Die Sache ist so: Vor einigen
Jahren verfaßte ich schon einmal einen Text über die
beliebte Band Die Ärzte,
anläßlich meiner damals jüngst erfolgten
Wiederentdeckung dieser begnadeten Musiker. Seit damals ist viel Wasser
die Ruhr hinuntergeflossen, und ja auch die Weser, wo mein Herz wohnt.
Ich bin in den Jahren gereift, habe mir die Hörner
abgestoßen, habe Federn gelassen und am Quell der Erkenntnis
lustige Papierschiffe schwimmen lassen. Der Natur der Menschen bin ich
nähergekommen, habe Heftpflaster auf meiner Seele gesammelt und
einen Kaufmannsladen voller Weisheiten. Ich habe Verzweiflung
kennengelernt und eitel Zuckerwerk, habe in Champagner geplanscht und
in Sickergruben. Jetzt bin ich 41, und ein Blick in den Spiegel zeigt
mir, daß ich vermutlich nicht derselbe juvenile Springinsfeld
bin, der einst auf Konzerten dieser Gruppe jubelte, wo Ritte auf dem
Schmetterling noch den Ton angaben und ein hoffnungsvoller
Jungkapitalist in spe den Baß zupfte. Die Kerben der Zeit haben
tiefe Rillen in mein Gesicht geschnitzt, und graue Haare säumen
meinen federnden Schritt. Nun ist es soweit, eine schonungslose Analyse
zu wagen, eine vorsichtige Annäherung an das Universum der
Ärzte. Vom Wartezimmer in den Chefsessel, sozusagen.
Bela, Farin,
Rod. Zuerst einmal Bela. Der Standschlagzeuger erscheint mir nach wie
vor als der große Romantiker der Band. Seine Solostücke
sprechen diesbezüglich Bände, aber auch schon in den Zeiten,
als Millionen quietschender Backfische seinen Weg pflasterten, war
hinter all den Vampiren und Grabsteinen klar, wer da hauste - ein
unbekehrbarer Rock´n´Roller, der den Charme der Subversive
verkörperte. Subversive ist an sich äußerst selten
charmant. Der Rock wird geboren im Herz des menschwerdenden Mannes,
wenn ihm Haus und Hof zu eng werden und er nach draußen strebt,
wo die Freiheit wohnt. Der menschwerdende Mann steht nur leider im
Zeichen der Pubertät, des Grollens und Rumpelns, und weder
Erfahrung noch Bedacht sind da die Weggefährten, nur der Sturm der
Hormone. All das Land jenseits des blöden Nebels, der einem den
Weg versperrt und den man mit Phonwucht wegdreschen möchte. Das
führt sehr häufig zu Torheiten und Mummenschanz, und egal, ob
geistige Schlichtheit oder intellektueller Funke den Motor gibt, der
Spalt zwischen hochmütigen Proberaumsprotten und
Marion-Manson-Perfektion ist nicht so groß, als daß ein
paar Modedrogen nicht eine Brücke über ihn zu schlagen
vermögen. Im Falle der damaligen Punk-Rebellion führte das
schon bald von spielerischer Experimentierwut zu Kreuzberger und
Hamburger Verbissenheit. Die sogenannten Rebellen wurden alsbald zu den
sich selbst als links empfindenden Spießbürgern, deren
politische Korrektheit jener von religiösen Hanswursten in
keinster Weise nachstand. Wer den Rock im Blut hatte und ein Herz im
Leibe, widerstand dem Unfug, und was Bela und Farin mal als Soilent
Grün begannen, wurde dann zu den Ärzten. Bela wurde der junge
Graf, der geheimnisvolle, der lustige und traurige, der die Träume
besagter quietschender Backfische beseelte. Ich kenne kaum eine Frau,
die nicht mal irgendwann in ihn verknallt gewesen ist. Selbst Frauen,
die den schlechten Geschmack besaßen, nicht in mich verknallt
gewesen zu sein. Bela machte niemals Pimmelfotos von sich wie der doofe
Peter Steele, und das Geheimnis umwaberte ihn auch in den Pop-Zeiten,
als die Ärzte pöh-a-pöh erwachsen wurden. Er war immer
mein liebster Arzt, und das hat sich auch nicht geändert, wie toll
auch seine Kollegen wurden. In ihm finde ich meine verlorene Unschuld,
meine Ambitionen und all das, was ich mir vom Leben erhofft habe. Das,
was er damit angestellt hat, ist preisungswürdig, und ich bin fest
davon überzeugt, daß er noch so manches Feuerwerk
entzünden wird, das ihn selbst und andere überraschen wird.
Er wollte mal Polizist werden, aber er hat sich anders entschieden, und
jetzt muß er eben den Rock leben. Und das wird er prima machen,
so wie auch der Mount Everest recht hoch ist. Seine neue Platte erwarte
ich mit Hochspannung. Freund Wenzel hat da schon was zu beigetragen....
Muß man
natürlich auch Farin erwähnen. Farin - ihn, den Herrn der
gebleckten Zähne. Das strahlendste Gebiß der deutschen
Musikszene. Der Mann, der Kollegen wie Marius Müller-Osterhase
oder
Heinz-Rudolf Hinze in das Abseits verwies, wenn jene vergangenen Ruhm
stramm der Lächerlichkeit preisgaben. Farin betrachte ich nach wie
vor als das Gehirn der Ärzte, den Eklektiker, den wilden
Rumsucher. Auch wenn sich gewisse Vorlieben wie Ska- oder
Reggae-Anleihen auch bis heute in seine Songs einschleichen, so bastelt
er immer überraschende Wendungen in seine Songs ein und sorgt
für Verwunderung und Verdutztheit. Gleichzeitig spielt er sein
Publikum wie ein Klavier - keine Ahnung, wie er das macht, ich versuche
das immer wieder! Früher verband ich ihn immer mit Ironie, und je
älter ich werde, umso egaler wird mir Ironie, ist sie doch
häufig nur ein billiger Schutzmechanismus, um Dinge nicht beim
Namen nennen zu müssen. Bei ihm scheint sich ähnliches
zuzutragen, denn seine Songs werden immer häufiger
ironieresistent, handeln von Träumen und von Kampfansagen und
letztlich vom guten Willen, den Hörern etwas Hilfreiches mit auf
den Weg zu geben. Daß er dabei nicht den Weg moralisch
uffjedonnerter und sich selbst sakrosankt wähnender Deutschrocker
geht, deren Lendenlahmheit etwas unweigerlich Erbarmungswürdiges
an sich hat, ist einfach nur Ausdruck seiner Brillanz. Sein "Livealbum
Of Death" beispielsweise ist das ungelogen beste Live-Album, das ich
jemals gehört habe, in Idee wie in Ausführung. Und ich habe
schon unzählige Livealben gehört, von King Crimson und Status
Quo bis zu der vermoderten Leiche von Duke Ellington. Das "Racing Team"
schlägt alle! Das liegt natürlich auch an der unglaublichen
Besetzung, denn die Band ist wirklich toll. Bettina von oben hat mir
von der Schlagzeugerin vorgeschwärmt, und ich stand nur da mit
offenem Mund, als ich mir das mal live ankuckte. Farin ist in
mancherlei Beziehung der Intellektuelle der Band, was ich nicht mal als
Abwertung meine. Er bringt den Rock in eine sinnreiche Form, ohne ihn
dabei zu knebeln. Was schreibe ich hier für eine Scheiße,
"geknebelter Rock", du meine Güte... Ich bin kein professioneller
Musikjournalist, sorry. Farin ist das perfekte Komplementärwesen
zu Bela, der gerne damit kokettiert, daß er nur der Schlagzeuger
ist und primitiv. Weit gefehlt - sie ergänzen einander auf tolle
und völlig harmonische Weise. Die beiden
Komplementärhälften aneinanderzuschweißen,
benötigt natürlich eines guten Klebers. Der sympathische
Hagen war nicht der Kleber, und Sahnie erst recht nicht.
Wer dann?
Rod!!! Der
großartige Rod war der Kleber, und auch dies meine ich nicht
abwertend. Ich bezeichne mich selbst ja auch gerne als die Vaseline
unseres Filmclubs, die dem Zuschauer in die teilweise wirklich sehr
schwerigen Filme hilft, und Rod ist viel mehr. Er ist der
Herzensbrecher der Band, der Casanova, der Adolphe Menjou. Wenn sein
Grübchen auf einem Plattencover erprangt, dann leuchtet die Sonne!
Wo war dieser Mann all die Jahre? Er paßt zu Bela und Farin wie
ein korsischer Bruder von Dumas. Er ist der verlorengegangene
Marx-Brother, der dritte Kessler-Zwilling, das Funkeln im Fixpunkt
zweier Sterne! Als er Anfang der 90er zu der Band stieß, gelangte
die Band in eine neue Galaxie. Es stimmte auf einmal alles. Irrwege von
einst schienen auf einmal bedeutungslos. Die Maschine rollte, und
niemand konnte sie aufhalten. Niemand wollte sie aufhalten! Live
besaß er die Weisheit, sich den teils vulgären, teils
ambitionierten Geistesblitzen der beiden nicht in den Weg zu stellen,
fügte durch seine eigenen Beigaben aber immer eine Doppeltonne
Herz hinzu, was an die Fans nicht verschwendet war. Er wurde geliebt,
ans Herz gedrückt, und das zu recht! Bis heute ist er der geheime
Labsal, der den Quell der Ärzte zum Sprudeln bringt, das
verbindende Element. Andere Companeros hätten die Chemie der
Ärzte möglicherweise im Laufe der Jahre zum Umkippen
gebracht. Er fördert all die Schätze zutage, die da wohnen.
Und, oh je, ich wollte ja nicht schleimen in diesem Text. Also...
...jetzt die
schonungslose Analyse, die unbestechliche Wahrheit! Was sind die
Ärzte? Sind sie Gott? Sind sie Gottes Helfershelfer? Ich meine,
sie sind viel mehr. Sie sind das Überleben von Charme und Eleganz
in einer zunehmend graupeliger werdenden Suppe, die sich Rock nennt,
oder auch Pop, wenn ihr danach ist. Sie verkörpern die Segnungen
des Humors im Angesicht der totalen Widerwärtigkeit, die uns
umgibt. Sie geben Anleitungen zum Wohlfühlen, wenn die Arschkarten
neu gemischt werden. Sie erwähnen nie das Wort "Ehrlichkeit", weil
die Anmutung des "ehrlichen Rock" mittlerweile jeden honetten und
einigermaßen gripsbegabten Menschen zum Kotzen bringt. Trotzdem
ziehen sie ihre Sache durch, kümmern sich recht wenig um
Marktgewohnheiten und Zuhörererwartungen, denn sie wissen,
daß sie ein gewidmetes Fanpublikum haben. Sie folgen ihren
privaten Interessen und Liebschaften, schreddern sie durch die
Mühle ihrer Vernunft, und was am Ende rauskommt, ist die beste
Rockmusik, die man in Deutschland zu hören bekommt. Wenn man
Glück hat, bekommt man sie live zu hören, denn dort wohnt der
wahre Jakob. Wer einmal ein Ärzte-Konzert miterlebt hat,
behält das, und es trägt Früchte. Die Tonträger
rocken aber auch wie zehn Zäpfchen. Objektiv betrachtet muß
ich sagen, daß es sich einfach um die beste Musik handelt, die
man für irdische Zahlungsmittel kaufen kann. Wer eine neue
Ärzte-Platte kauft, kauft eine neue Lebensgestaltung. Im
Durchschnitt dauern die Platten ca. 54 Minuten, und man kann diese
Platten mindestens 20mal pro Tag hören, Kaffeepausen inbegriffen.
Wer braucht denn noch etwas anderes als die neueste Ärzte-Platte?
Auf Schlaf kann man notfalls verzichten, auf die neueste
Ärzte-Platte hingegen nicht. Das ist einfach Fakt! Was ist Sex,
verglichen mit der neuesten Ärzte-LP? Sex verfliegt im Nu, wenn
sich die Spermatozoen verdrückt haben. Die Musik der Ärzte
aber bleibt bestehen! Sie treibt Wurzeln, und es sind Wurzeln der
Zufriedenheit, die da entstehen. Sie helfen sogar gegen Zahnweh.
Ich neige
privat nicht zu Superlativen. Die Ärzte sind für mich die
beste deutsche Rockgruppe überhaupt. Mit den bereits
erwähnten 41 Jahren bin ich nicht mehr wirklich ein kreischender
Teenie, aber ich bin es, wenn es zu den Ärzten kommt. Die
Ärzte haben mir in den letzten Jahren über so manche
persönliche Krise hinweggeholfen. Sie haben dies getan durch ihr
gutes Beispiel, durch den Beweis, daß es intelligentes Leben gibt
jenseits der Venus, daß es herzvolles Leben gibt jenseits des
Mars. Und der Humor hat auch geholfen. Die Ärzte sind für
mich ein Arschtritt ins Gesäß der Trottel und der
Bösewichte. Sie zeigen, daß es auch anders geht. Sie
demonstrieren zivilen Ungehorsam mit Grips, sie demonstrieren Heimat,
wo es keine Heimat mehr zu geben scheint. Sie sind verdammt ermutigend.
Deshalb werde ich auch weiter kreischen, wenn Bela, Farin und Rod
auftauchen, denn sie sind mir wichtiger als viele hochgelahrte Worte
von vergangenen Intelligenzbestien. Sie bereiten Spaß, wo
Spaß dringend vonnöten ist. Sie machen gespannt auf all die
Dinge, die da noch lauern mögen. Und sie machen einfach verdammt
gute Musik. Sie machen das, was Leuten am meisten hilft und sie in
ihren Ambitionen ankickt, ob es sich nun um eine Bäckerin in
Dinkelsbühl handelt oder einen Anthropologieprofessor in Freiburg.
Sie verbinden das, was alle Leute eint. Sie machen das mit toller
Musik, mit interessanten Texten, und was immer das Magische daran ist -
sie machen es halt! Deshalb an alle drei ein sehr tief empfundenes
Dankeschön für bereits Geleistetes und für all das, was
da noch kommt. Die Ärzte werden noch eine Menge Sterne
hervorzaubern, und ich werde sie funkeln sehen.
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