DIE BESTEN IN MENSCHENGESTALT!

Ursprünglich plante ich ja eine raumgreifende Abhandlung über das soziale Phänomen des Punkrocks. Ich schrieb wie bekloppt, bis ich etwa auf Seite 115 merkte, daß ich unvorstellbaren Tönjes zu Papier gebracht hatte - sentimentales Gewurschtel, akademische Feinbeinerei - au nein!!! Was sollte ich tun? Ich warf den Blätterwust auf den Müll, las eine Ausgabe der Zeitschrift "Coupé" und löste ein paar Kreuzworträtsel. Dann dachte ich mir, daß ich wenigstens den Teil über die Ärzte verwenden könnte, anläßlich der anstehenden "Fast vorwärts"-Sendung. Ich krabbelte also in den Altpapiercontainer und grub nach Leibeskräften. Überraschenderweise traf ich im Container auch noch einige andere Herrschaften, mit denen ich mich nett unterhielt. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Es war tiefe Nacht, als ich aus dem Container hervorkrabbelte. Vor meinem Schreibgerät sortierte ich noch einmal meine Gedanken, wischte mir einen Popel von der Schulter und bastelte den Text.

Ich habe viel nachgegrübelt darüber, was Punk wohl gewesen sein muß, so damals, in den Gründerjahren. Mein kleiner Annäherungstext zum Thema war ziemlich pathetisch, aber das ist - wie meine Freundin sagen würde - "auch egal". Punk war auch egal - so vermute ich zumindest -, denn die Leute, die ich als die echtesten Punks empfand, haben von dieser Sache kein großes Gedönse gemacht, außer vielleicht Künstler in Selbstfindungsschwierigkeiten. Punks haben gesoffen wie Käpt´n Iglo, wenn die neue Sonnenfreunde-Zeitschrift eingetroffen war, und dabei so stumpf gekuckt wie Deedee Ramone. Aus dem Ego wurde ein Knäuel geknetet, welches so weit weg wie möglich geschleudert wurde. Dann war Ruhe. Das militante Wichtiggetue, mit dem sich viele Punks den Tag versüßten, fand ich ähnlich abstoßend wie die Debilitäten, die man von Fußballhooligans und anderen grenzdebilen Wesenheiten gewohnt ist. Wer keinen Humor hat, der benutzt eben den Holzhammer zwischen den Beinen. (Das gehört jetzt nicht hierher, aber der "Orion"-Versand für Sexspielzeug hat einen Dildo im Programm, der sich "Der Patriot" nennt - "knorrig wie eine Eiche, ein ganzer Kerl"...)

Die Ärzte waren in ihrer Anfangszeit ein rotes Tuch für orthodoxe Punks und wurden gerne als Verräter an der "Sache" des Punkrocks gewertet, was immer diese Sache auch zu sein hatte. Als sie Anfang der 80er anfingen, als Soilent Grün ihre Verse in Umlauf zu bringen, waren sie noch eher kompatibel mit dem "punk chic" der Zeit: Ihre Songs hatten Titel wie "Macht alles kaputt" oder "Die grünen Hampelmänner", aber gleichzeitig machte sich schon ein gewisser Sinn für humorige Subversion ruchbar. Ihre einzige Single, "Fleisch" geheißen, ist mit Sicherheit das Meisterwerk dieser frühen Ärzte-Formation und enthält u.a. den ewigen Schwartenkracher "FDJ-Punx OK!", in dem die durchaus vorhandenen Bestrebungen zum Widerstand im Osten dezent auf die Schippe genommen wurden. ("Wir sind die Pönks vön der Eff-Deh-Schott, wir glouben nischt an den lieben Gott...") Auch ist die herzergreifende Geschichte vom arm- und beinlosen "Erwin" festgehalten: "Erwin hat keine Arme und Beine, und das ist scheiße..." Dem kann man unumwunden zustimmen. Der Herr auf dem Cover von "Fleisch" ist übrigens Jörg Buttgereits Papi. Butti ist nämlich mit Bela zur Schule gegangen und hat mit ihm ein Fanzine aufgezogen, das den Namen "The Incredible Pipel" trug. Man kann Bela in gleich mehreren Kurzfilmen des Regisseurs wiederfinden, wie auch in seinem berüchtigten Langfilm DER TODESKING.

Die Soilent-Grün-Single verkaufte sich so gut, daß ein Plattenhändler einem Freund von mir gesteckt hat, daß er sie bei Mail-Order-Bestellungen als Gratisbeilage hinzuzufügen pflegte. Ja, das war ein Fehler, denn jetzt bringt das gute Stück deutlich über 100 Märker auf eBay, juchhei! Das Konzerttape, das mein Freund Graf Haufen einst herausbrachte, hat neulich beim selben Auktionshaus für etwa 350 Märker den Besitzer gewechselt... Ich hoffe, dem Käufer gefällt das Band!

Wie begann das eigentlich mit Soilent Grün? Bela (damals Dirk) naschte bereits in jungen Jahren von den Freuden der musikalischen Entfaltung: Nach seiner Solo-Aktivität als "Fucking Felsenheimer" (Tapes verschollen, sorry, Fans!) gründete er zusammen mit einigen Gesinnungsgenossen die Band Soilent Grün. (Benannt, liebe Science-Fiction-Cracks, nach dem großartigen Film von Richard Fleischer, in dem diese lustigen grünen Kekse gereicht werden...) Als dem Gitarristen sein Instrument geklaut wurde, bedeutete das damals das Aus für die Gruppe oder - einen neuen Gitarristen! Farin Urlaub (damals Jan) besaß zwar keine Gitarre, aber eine Ausbildung als Flügel- und Alpenhornist (er konnte bereits mit seiner sehr eigenständigen Version von "Dueling Banjos" Triumphe an verschiedenen Königshöfen feiern!), und da diese Instrumente ebensogut die Melodie tragen konnten, sprang er ein für den abgefallenen Stammesbruder. Damals bedeutete das rein gar nichts, nur eine Umbesetzung, die sich später aber zu einer folgenschweren Akzentverschiebung auswachsen sollte, von der wir noch heute zehren... Farin brachte "Teen Appeal" mit (das ist kein Song, sondern eine Verpflichtung!) und einen wertvollen Kontrast zu dem ruppigen, gruftig angehauchten Standakkordeonisten und Tambouringuru Bela, dessen Horrorfilmverliebtheit nicht nur in dem gewählten Pseudonym aufschien, sondern auch in allem, was die Ärzte später brandmarken sollte. Die quietschenden Backfische hatten nun zu wählen zwischen einem dynamischen Rebellen und einem gymnasiumsgestählten Blondschopf mit schönem Gesicht, der gelegentlich auch herzerwärmende Schmachter auf seinem Leierkasten zum Besten gab.

Ein erstes Vinylzeugnis erreichte die Plattenteller 1982, als einer der besten mir bekannten Funpunk-Sampler herauskam, "Ein Vollrausch in Stereo - 20 schäumende Stimmungshits". Für dieses Paket fröhlicher Sauflieder steuerten die beiden Ärzte insgesamt vier spaßige Nummern bei, und von den Suurbiers überzeugte man den gelernten Triangelvirtuosen Sahnie davon, sein Instrument fürderhin in den Dienst dieser folgenschweren Ménage-à-Trois zu stellen. Senatsrockwettbewerbsgestählt nahm man eine kleine EP auf (die u.a. die Hits "Der lustige Astronaut" und "Teenager Liebe" enthielt und auf "Die Ärzte früher" wiederveröffentlicht wurde). Die harten Kreuzberger Punks hatten bei dieser netten Dudelei den Arsch wahrscheinlich bereits voll bis zum Stehkragen, und "Bravo" sollte auch bald bis zum Gottserbarmen hypen, aber der Weg stand nun offen für eine erste Major-LP, für die Bela die Kunst des Dudelsacks erlernte. So entstand für die CBS 1984 die LP "Debil", die fröhliche Popsongs mit punkbelastetem musikalischem Material und kontroversen Texten offerierte. Zu den unkontroversen Songs gehörte die ewige Ode an den Bademeister in uns allen, "Paul" geheißen. Der Italowestern bekam seine Würdigung in "El Cattivo". Und dann wurde es auch schon schwerig. "Old Scissorhand" Rudi (seinen Freunden auch bekannt als Steffen Rudolf) von der BPS ging der Sud, als er die massiv verdammungswürdigen Songs hörte, die da sonst noch so waren. Da war zum Beispiel die Geschichte von Claudia, die bekanntlich einen Schäferhund hat. In den Indizierungstexten der obwaltenden Behörde wurde zwar mildernd angemerkt, daß in dem Liedchen festgestellt werde, daß Claudia "total verharzt" ob ihrer Hörigkeit zum kaninen Objekt der Begierde war, aber der Tatbestand der Aufforderung zur Sodomie war nichtsdestotrotz gegeben! Verdammt - da habe ich mir in meinen Teenie-Jahren ja etwas angehört, was richtig schrummi-fummi war! Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß ich zahlreiche Wellensittiche absolviert habe, ohne ihres sexuellen Sprengstoffes gewahr zu werden, aber vielleicht hätte es nur der damals tätigen BPS bedurft, um diese schlummernde Leidenschaft in mir hervorzurufen... Das "Schlaflied" war auch so eine Geschichte, die den kinderfreundlichen BPS-lern die Schamgerte erglühen ließ. Warum nur - niemand sah es ein. Die Gebrüder Grimm haben ungestraft ähnlich wertebetonende und den wahren Horror im Menschenwesen betonende Verse verkündet. Wenn Hänsel und seine Gretel die arme Hexe in den Ofen schoben, dünkte das scheinbar keinen der obwaltenden Hansel ähnlich zweifelhaft wie im Fall der Ärzte...

Während ihre Folgeplatte - "Im Schatten der Ärzte", mit dem ewigen Hit "Was hat der Junge nur für Nerven" - unbehelligt blieb, gab es mit der schlicht "Die Ärzte" betitelten 1987er LP wieder richtig Trabbel, und dies nur aufgrund eines einzigen unscheinbaren Liedes: "Geschwisterliebe" thematisierte die Liebe genpoolmäßig miteinander verflochtener Menschenkinder - schon lauerte der Hammer des Gesetzes, der sich das Chromosomengewimmel nachhaltig verbat. Hat dieser Song jemals einen Buben dazu verführt, mit seinem Schwesterlein den Analverkehr zu wagen? Hat "Claudia" jemals ein unreifes Meisje dazu veranlaßt, seinen Schäferhund zu bezirzen? Diese Annahme ist ähnlich rätselhaft wie die immer noch obwaltende Maßgabe des Was-auch-immer-Gerichts. Bekannte von mir haben es ohne große Anstrengungen geschafft, ihr eigenes Werk vom Index zu bekommen, das u.a. die zugegebenermaßen grobe Fügung enthielt: "Ich bin Frauenarzt, weil ich Fotzenfan bin." Die bei weitem harmloseren Ärzte-Verse sind nach wie vor auf dem Index und dürfen hier nicht wiedergegeben werden. Bei einem zeitgenössischen Ärzte-Konzert durfte ich aber miterleben, wie der vermaledeite Sermon vom Publikum eifrig mitgegröhlt wurde, während die Band lediglich eine Instrumentalversion darreichte... (Das ist Demoggradie, gelle?) Die beanstandeten Titel wurden daraufhin auf einer Ten-Inch präsentiert namens "Ab 18", die ebenfalls indiziert wurde, denn Ordnung muß sein. (Mein Favorit darauf ist: "Sie kratzt, sie klebt, sie stinkt" - was für ein Liebeslied!) Außer dem beanstandeten Liedel stachen auf "Die Ärzte" noch eine Coverversion von Nino d´Angelos "Jenseits von Eden" und das über alle Maßen großmächtige "Ist das alles?" hervor, sowie das sehr witzige "Ich bin reich". Der Rest der Platte lieferte nur die bereits gewohnte schillernde Pracht. (Habe ich ihr "Ist das alles?"-Album von 1987 vergessen, mit "Geh´n wie ein Ägypter" und "Radio brennt"? Au verdammt...)

Hatte sich Sahnie ja schon bei der 1985er "Im Schatten der Ärzte" vom gemeinschaftlichen Klöben entfernt (angeblich soll er keines der Instrumente auf der Platte gespielt haben!), da die eigenen karriereorientierten Bedenken lauerten, so entstand "Die Ärzte" als reines Duo-Projekt. Für die Konzerte und die 1988er "Das ist nicht die ganze Wahrheit" verpflichtete man als neuen Bratschengott den "Incredible Hagen" (der auch die Nasenflöte bedienen konnte wie kein Zweiter!), doch die resultierende LP war nicht so bemerkenswert wie die vorangegangenen Vinylerzeugnisse. Lediglich die Hits "Westerland" und "Blumen" traten hervor und bescherten den Ärzten Gewinne in Milliardenhöhe. Neben "Elke" ist in erster Linie bemerkenswert, daß die Ärzte hier zum ersten Mal Samples als Verbindungselemente zwischen den einzelnen Stücken einsetzten. Erkannt habe ich leider nur den unsterblichen 1964er Nekrophil-Schluchzer "I Want My Baby Back". Wie dem auch sei, Die Ärzte trennten sich bald darauf im berühmten gegenseitigen Einvernehmen und bescherten der Fanschar noch einen Live-Konvolut, "Nach uns die Sintflut" - komprimierte Rhythmenwucht in höchster Vollendung bzw. Rock´n´Roll, bis die Sacknaht qualmt. Wem die "Wahrheit"-LP zu poppig arrangiert gewesen war, bekam hier noch einmal den Hoppelständer mit Assen.

Bela und Farin verdingten sich in der Zwischenzeit in eigenen Bands, wie Depp Jones oder King Kong.

Aus rein humanistischer Gesinnung heraus taten sie sich aber wieder zusammen, unter extrem sachkundiger Verstärkung durch den ehrenwerten Flötisten und Lautenkenner Rod, ehemals Teilhaber der Rainbirds und Depp Jones. Das Debütalbum in der neuen Besetzung, "Die Bestie in Menschengestalt" (1993), offerierte den schönsten Popsong über Neonazis, den ich kenne, "Schrei nach Liebe". Auch ein galliger Gassenhauer war "Mit dem Schwert nach Polen, warum, René?", in dem es um einen jungen Mitmenschen geht, der seine ganz persönliche Orientierungslosigkeit in waschbärechten Waffenfetischismus ummünzt. Ich bin mir nicht sicher, ob es der backfischverzaubernde Erotizismus des neuen Flötisten und Maultrommelhelden war, der die Massen überzeugte, aber das Comeback wurde ein voller Erfolg. Das war auch ganz gut, denn ansonsten würden Bela und Farin jetzt vielleicht Techno oder Nackttanz machen. So ging es mit Macht in die nächste Runde, und die Backfischherzen vibrierten in prämaritaler Ekstase. (Auch gut: "Und tschüß, Du Rap-Wixer! Du willz Gheddo? Kannze haben, Aldder! Schluß mit Kasper-Mugge")

Nach einem deftigen Live-Zeugnis ("Das Beste von kurz nach früher bis jetze") lauerte ein erstes neues Highlight: "Planet Punk" von anno 1995 bot einige richtige Hits, darunter das von südamerikanischen Wöchnerinnen beatmetete "Meine explodierte Freundin", das uns verrät, daß Ralf Dörper einen schönen Körper hat. Auch toll das sehr kulinarische "Nazareth", das nicht biblischen Pfaden folgt (also barfuß über Wasser), sondern von einem "Nasenkotlett" handelt, mit dem man "niemals fett" wird. (Bei dem Lied hat selbst meine Cora kurz gegulpt!) Ganz toll ist "Die Banane", ein Lied über die Banane in uns allen, wie auch "Mein Freund Michael", das vom Michael Schumacher in uns allen handelt. (Nur daß letzterer Song keinen so schönen Modern-Talking-Teil hat!) Und "Rod Loves You" sagt noch alles, was man über den sympathischen Fagottisten der Band wissen muß. (Und gut aussehen tut er ja auch noch!) Überbordend auch auf dieser Platte die Tendenz zu devianten Filmsamples - erkannt habe ich natürlich nur LIBIDO MANIA!

Mein persönliches Lieblingsalbum der Ärzte kam 1996, mit dem fabulösen Konzeptalbum "Le Frisur", das schon mit einem tollen "Adam & The Ants"-Militär-Intro anfängt. Dann folgt eine maßlos delektable Ballung von lustigen Schnurren, die alle vom Haar an & in uns allen handelt. Als ich die Platte das erste Mal hörte, ließ ich meinen aus Südamerika mitgebrachten Che-Guevara-Teller quer durch die Wohnstube sausen. Bei diesem Irrflug zerstörte der Teller eine Betty-Page-Figurine, aber das gehört nun wirklich nicht hierher... Zu den Höhepunkten (und die Platte besteht eigentlich nur aus Höhepunkten!) gehört das beachboyseske "3-Tage-Bart", das vom herben Charme eines ebensolchen handelt. Es gibt eine gefühlvolle Ballade, auf der Bela von den Aktivitäten eines Serienmörders namens Ralf berichtet, dessen Corpus Delicti sein überbordendes Haupthaar ist. Dieser Song versorgte mich mit dem höchst desorientierenden Bild eines langhaarigen Menschen, der seine Pracht zum Masturbieren verwendet - danke, Ärzte, darauf hat die Welt gewartet - BPS, übernehmen Sie! Es gibt aber auch andere tolle Lieder, etwa: "Keine Freunde - ohne neue Haarfrisur, keine Arbeit - ohne neue Haarfrisur, keine Arbeit - ohne neue Haarfrisur, keine Zukunft - ohne neue Haarfrisur..." Ja, No Future fürwahr, und "Dauerwelle vs. Minipli" hätte sogar den Sons of Tarantula gut angestanden. "Monika" orientiert sich eher an den a-capella-Liedern der Comedian Haarmonists, während das großartige "Am Ende meines Körpers" ein Novum der Rockmusik darstellt, da bestimmt noch nie ein Song aus der Sicht von Füßen gesungen wurde! (Akademisch gesehen erweisen sich diese Füße aber als literarische Maske, da es nicht wirklich die Füße sind, die ihr ewiges Lied singen...) Auf der Platte bleibt jedenfalls kein Musikstil unangetastet, und nach dieser tollen Veröffentlichung ließ ich mir mein Haupthaar scheren und ging als Krishna-Jünger nach Indien: "Haare Haare, Rama Rama, und Flora soft..." Wie schon gesagt: Total egal. (Weniger egal der Umstand, daß Farin mittlerweile das zarte Spiel der Piccolo zur höchsten Vollendung treiben konnte!)

1998 gab es das Album "13". Viele Fans haben sich schon immer gefragt, was diese Zahl zu bedeuten hat. Ist es vielleicht die Penislänge von John "13-Inch Dead Dick" Holmes, auf die mit zarter Dezenz angespielt wird? Tja - auch ich kann dieses Geheimnis nicht lüften... (Obwohl ich es natürlich kenne!) Wohl verraten kann ich, daß es auch auf diesem Tonträger einige Schmankerln zu genießen gibt, etwa Belas pathosgeladene Vampirballade "Der Graf", auf der das Cello auch hartgesottenen Knoblauchfabrikanten bittere Tränen entlockt... Rod schmachtet den berühmten halben Lovesong, während Farin von Freunden singt, deren soziale Abfederung überaus fraglich erscheint. Eines meiner Lieblingsintros ist das des Hits "Männer sind Schweine": "Soll ich jetzt den Knaller zünden?" Und das schöne Jazz-Intro der Platte existiert wohl auch in einer Version, in der der Vollblutentertainer Götz Alsmann als Gastdoktor zur Seite stand.

Blauplüschig verschlumpft offenbarte sich das Album "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!" - mit absoluter Sicherheit der Titelhöhepunkt der Ärzte bis zum jetzigen Zeitpunkt und in hundert Jahren! Einer meiner Lieblingssongs von dieser Platte heißt "Manchmal haben Frauen ein kleines bißchen Haue gern", und auch wenn ich mich bislang nur mit Frauen zusammengetan habe, die mich binnen 5 Minuten auf die Matte hätten dreschen können, finde ich das Lied sehr famos. Eine gute Freundin hat mal in einer Studenten-WG gewohnt, in der eine Superfeministin hauste, die kein gutes Schamhaar am männlichen Geschlecht ließ. ("Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger", und was da noch für Platitüden hausen.) Irgendwann kam ein WG-Bewohner mal nachts nach Hause und schlurfte in die Küche, zum Hering-in-Tomatensauce-Schlabbern. Dort traf er besagte Femi-Frau, welche, sich unbeobachtet wähnend, exakt dieses Lied summte... Ich weiß gar nicht, warum ich das jetzt erzähle, aber ich fand das possierlich. Andere Höhepunkte dieses rundum gelungenen Albums sind Farins herzergreifendes "Onprangering", Belas "Leichenhalle" (irgendwo zwischen Sisters und Vadder Abraham!), der Rockabilly-Song "N 48.3" und natürlich "Mondo Bondage". Und wer könnte das kurze "Yoko Ono" und "Rock´n´Roll Übermensch" vergessen? Wann immer ich mich fühle wie die Hauptfigur in Ernst Düngers berühmten Roman "In Stuhlgewittern", schafft diese Platte Abfuhr für dunkle Gedanken... Runter mit den Spendierhoden, Anzüglicher!

Auf der "Unsichtbarer"-Tour gab es auch noch eine sehr ungewöhnliche Veröffentlichung zu bestaunen: "5,6,7,8, Bullenstaat!", die sich aus Songs rekrutiert, die die Ärzte im Punkgewand präsentieren. Wer die Ärzte kennt und mag, spürt auf dieser fast durchweg hörenswerten Kompilation, daß sie der berühmten "Sache" des Punk gar nicht so fern stehen, über ihre Klischees aber dennoch erhaben sind. Teilweise gibt es Kampfsongs (etwa gegen McDonald´s und Pinochet), aber auch die sind häufig ironisch gebrochen, etwa im Reggae "Cops Underwater" und den brillanten Ted-Songs ("Rockabilly War" und "Rockabilly Peace"). Die Achselhaare einer Studentin werden ebenso einer kritischen Revision unterworfen wie auch eine durchaus wankelmütige Einstellung ("Attitüde", wie die "cool people" sagen!) dem Bier gegenüber. Der Song "Punkbabies" empfiehlt, die Welt mit subversiv gesinnter Brut zu verseuchen - das erinnert etwas an Jello Biafras großes "Will The Fetus Be Aborted?". In "Bravo-Punks" kommt auch die Kreuzberger Fraktion zu Wort und gibt den Ärzten, was der Ärzte ist. Johnny Thunder sagt Hallo in dem bombigen "Geboren zu verlieren". Mein Favorit ist die DAF-Hommage "Elektrobier". Toll auch der Ska-Song am Schluß, "Ich bin glücklich". Auch enthalten ist die Single "1,2,3,4, Bullenstaat", die vollständig aus Coverversionen bestand. Großmeister ist "Samen im Darm" von den Hannoveraner Cretins, das hier als durchaus gefühlvolle Ballade abgehandelt wird. ("Immer am Pförtner vorbei...") Sorry, Cretins, aber diese Version ist echt unglaublich! Ebenfalls erhaben ist die Wire-Hommage "Lest die Pravda!" Die Platte ist eigentlich was zum Durchschreien, und man kann diesen nur auf besagter Tour verteilten Leckerbissen komplett runterladen auf der offiziellen Ärzte-Webpage, unter "Hören".

Am Heiligabend des Jahres 2001 hatten die Ärzte die Spendierhoden an und warfen, Kamellen gleich, einen bunten Blumenstrauß obszöner Lesungsmitschnitte unter das schmachtende Volk: "Männer haben kein Gehirn" heißt der Blumenstrauß. Farin, Bela & Rod sind da zu hören, wie sie Exzerpte aus dem tollen Ärzte-Buch vom Rotweinkenner Markus Karg eben nicht vorlesen. Tatsächlich reden sie allerlei unreinen Kladderadatsch über die Tristesse des Rockstardaseins - die Verfehlungen in den Hotelzimmern, die Einsamkeit, die existentielle Pein, die geilen Groupies... Ja, es ist wahr, hier wird fast vollständig selbstzweckhafter Quatsch getratscht, von dem mir Farins toller Brunftschrei und "Bela, du nervst", in dem Herr Felsenheimer sich selbst geißelt, am besten gefallen. Der liebe Autor des Buches schaut auch vorbei und wird unerbittlich abgekanzelt. Ja, so sind sie, die Ärzte - unerbittlich bis zum Tod, grausam bis zur Neige. Bestien in Menschengestalt halt. Die höchst hörenswerten Audioklunkern kann man kostenlos bei obiger Adresse runterladen - zögert nicht, es zu tun. Das Buch ist unverschämt teuer, aber für Fans jeden schnöden Kreuzer wert, denn man kann mit dem riesigen Schmöker ungelogen mindestens zwei ungeliebte Mitbürger auf einmal erschlagen! Fotos sind darin überreichlich und in überbordender Qualität, wenn man auch in Kauf nehmen muß, daß die Ärzte selber zu Wort kommen. (Einer limitierten Ausgabe lag ja noch eine von Farin, Bela und Rod gejodelte Version von "Smoke On The Water" bei, die besonders durch Rods sehr elegantes Bongo-Solo auffiel.)

Einmal ohne Verstärker gab es die Ärzte auf dem epochalen Album "Unplugged - Rock´n´Roll Realschule", wo zahlreicher vergangener Irrsinn auf den Prüfstand gestellt wurde - konnten die Musiker auch unter den erschwerten Bedingungen bestehen? Der Zweifler gab es viele, aber sie wurden eines Besseren belehrt, als die fantastischen Drei vor einem Hamburger Gymnasium brillierten - was sie aus den alten Klassikern herausbürsteten, war - wie das Fußballmoderatoren nennen - aller Ehren wert. Auch wurde der sagenumwobene Song "Monsterparty" aus dem Gefängnis des Mythenkoffers befreit, entstaubt und mit geschwollener Brust präsentiert. Wer weder die CD noch die dazugehörige DVD besitzt, kann sich voll einen auf seine orthodoxe und zutiefst authentische Gesinnung einbilden, aber er geht einer Menge unverschämten Spaßes verlustig, der da in den Ärzten wohnt. Er versäumt das, was die Ärzte zu entschieden lohnenderen Nachfahren des Punk macht als viele andere Krachliesen. Er versäumt einfach eine Menge Spaß! Und er versäumt auch die neuen Instrumentalien der Ärzte, wie etwa Farins meisterhafte Beherrschung der Ukulele oder Belas neugewonnene Begeisterung für die rentierbespannte Sitar. Und wenn Rod nicht noch ganz schnell die hohe Kunst der geheimnisvollen Frosch-Tablas erlernt hätte, wäre das großartige Event nicht das geworden, was uns heute aus bebenden Lautsprechern entgegenschallt! (Wer schließlich das Solo auf der aufblasbaren Gummipuppe darbietet - Pussy plus Penispumpe -, das halte ich mal schön geheim!)

So. Jetzt sind auch die Leute aus dem Altpapier-Container eingetroffen. Wir werden jetzt erst einmal THE MIGHTY GORGA schauen, wo mit lila Eiern auf eine Riesenechse geschmissen wird, die von einer Handpuppe gestellt wird. Die Echse wird dann von einem Riesenaffen plattgemacht, in dessen Pelz der Regisseur steckt. Wer sich Farins tolles Solo-Album "Endlich Urlaub" nicht kauft, der ist selber schuld und verpaßt den Künstler, wie er den Zauber der Pan-Flöte entdeckt. Außerdem kriegt man noch haufenweise schmissige Rhythmen um die Ohren geklatscht, und wenn man ganz genau hinhört, hört man auch die Backfische im Hintergrund quietschen... Die Ärzte - die beste Band aller Zeiten? Zweifelt Ihr daran? Dann kauft Euch eine Gurke und macht ein Picknick! Die Ärzte sind schon jetzt eine lebende Legende. Hier endet der Text. Tschüß.

Claudia ihr Schäferhund

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