MOTEL MADNESS!!!
Protokoll eines besonderen
Tages

Letzte Ausfahrt Buio Omega!
Seitdem ich hier im Ruhrgebiet wohne,
bin ich erstaunt über all die angenehmen Absonderlichkeiten, denen
man begegnet, wenn man nach ihnen fahndet. Das Phänomen der vielen
kleinen Provinzstädte, die zu einem großen
Identifikationsraum zusammenwachsen, ist mir als gebürtigem
Nordlicht schon immer bemerkenswert erschienen. Die
Kulturoffensive "
Ruhr.2010"
hat es sich zum Ziel gesetzt, den Charakter der Region als
Kulturhauptstadt durch zahlreiche Kunstveranstaltungen
herauszuarbeiten. Die Veranstaltungen sind vielgestalt und fühlen
sich keinen engen thematischen Rahmen verpflichtet, sieht man einmal
vom Wunsch ab, den Mund des Zuschauers vor Staunen offen zu halten. Das
einzigartige kulturelle Umfeld dieser Industrieregion und der in ihr
lebenden Menschen ist sicherlich einer der Hauptfaktoren für das
lange Überleben des "Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega". Sind
ähnliche Unternehmungen in Großstädten wie Berlin schon
bald dem Hinscheiden geweiht gewesen - wohl auch aufgrund einer
gewissen kulturellen Übersättigung -, lümmeln wir uns
durch unser elftes Jahr und fühlen uns noch immer ganz
großartig! Als wir die Chance bekamen, für "Ruhr.2010" aktiv
zu werden, stand es somit völlig außer Frage - Buio
mußte Kunst werden!
Die Vorarbeit, die von den Komiteemitgliedern geleistet werden
mußte, war recht extravagant. Stehen uns für
Sonderveranstaltungen (wie z.B. Stargäste etc.) normalerweise
Monate zur Verfügung, so fiel hier der Startschuß gerade
einmal anderthalb Wochen vor dem Ereignis. Es mußte also
improvisiert werden, und das nicht zu knapp. Würde der Filmclub an
dieser ungewöhnlichen Herausforderung zerbrechen?
In Windeseile wurde ein Konzept aus dem Boden gehauen. An den
Feinheiten wurde buchstäblich bis zur letzten Minute gedrechselt.
Neben der buiogemäßen Gestaltung des Schauplatzes
mußte der Ablauf geprobt werden, das Sponsoring sichergestellt,
die Versorgungslage abgeklärt. Persönliche Wehwehchen durften
zu diesem Zeitpunkt des Projektes keine Rolle mehr spielen.
Erkältung, Liebeskummer, Gürtelrose, ein appes Bein - nichts
durfte den Fluß der Kreativität stören!
Mir selber war völlig
schleierhaft, was mich erwarten würde. Aufgrund eines
orkanbedingten Vorfalls stand mein Auto nicht zur Verfügung. (Baum
vs. Astra - 1:0!) So war ich auf Fremdmotorisierung angewiesen und
wurde von Omegist Ingojira mitgenommen. Der Veranstaltungsort befand
sich auf einem alten Autobahnrastplatz in der sagenumwobenen Stadt
Wattenscheid, die weltberühmt ist für ihre ausgedehnten
Grünanlagen und zahlreichen Würstchenbuden. Auf jenem
Rastplatz also, der für gewöhnlich ein Eldorado für
Autoschrauber und -tuner darstellt, hatte das
Atelier van Lieshout
ein Motel erschaffen, einen sicheren Hafen für Wandersmänner
- und Frauen. Geschmückt waren die einzelnen
Gebäude/Ausstellungsstücke mit zahlreichen Sexspielzeugen,
die aber auch nach eigenem Gutdünken einer sinnvollen Verwendung
zugeführt werden konnten. Im "Schweinestall" etwa war alles
vollgepflastert mit sinistren Objekten, z.B. einer Hand aus Plastik,
für deren sexuelle Verwendung schon ein gehöriges Maß
an Lebenserfahrung und gestalterischem Freigeist nötig war. Die
Riesentube mit Vaseline, die darüber hing, mochte die Fantasie des
Betrachters auf schlammige Pfade lenken, doch wir vom "Geheimnisvollen
Filmclub Buio Omega" sind ja Spezialisten für schlammige Pfade und
wissen jeder Absonderlichkeit ein Stück Romantik und Abenteuer
abzutrotzen! Besonders begeistert war ich von der Freilufttoilette, die
nur durch eine Leiter besteigbar war und dem staunenden Betrachter
Gelegenheit gab, selbst am Kunstproduktionsprozeß teilzunehmen -
ein ordentliches Bauchgrimmen vorausgesetzt. Direkt neben der Toilette
befand sich eine Statue mit dem absonderlichen Namen "Fist Fucking
Men", neben der wir uns natürlich alle erst einmal fotografieren
lassen mußten. Manche Dinge im Leben dulden keinen Aufschub. Auch
ansonsten war das Gelände einfach fabelhaft und kann noch bis Ende
des Jahres besichtigt werden. Als Veredelung für den sonnigen
Sonntagsausflug sei dies wärmstens nahegelegt. Wenn man zu
spät kommt, wird man hier nicht vom Leben bestraft, sondern kann
gegen ein geringes Entgelt sogar im Hotel übernachten, auf Wunsch
sogar in einem niedlichen Schweinepferch!
Während die ordentlichen
Komiteemitglieder im Schweiße ihres Angesichtes ackerten, seilte
ich mich ab, denn meine Hände sind für körperliche
Arbeit viel zu zart. Neben einer Galeriebediensteten mit einem
zauberhaften Lächeln war niemand sonst zugegen, und so gab ich
mich der Sonne hin. Das war nett! Später dann, als der Moment X
immer nähe rückte, schrub ich noch einige Kleinigkeiten auf,
denn ich sollte ja noch Konferonzieh spielen. Letzte Einzelheiten meine
Aufgaben betreffend waren mir kurz zuvor von einem nackten alten Mann
in einem versiegelten Umschlag übergeben worden. (Also, die
Aufgaben waren in dem Umschlag, nicht der alte Mann!) Dann kamen die
Gäste, und los ging´s!
Als erste Sehenswürdigkeit
präsentierten wir eine Modenschau, die den Zuschauer in den
geheimnisvollen Zauber des Exploitationkinos vergangener Tage
entführen sollte. In genrebezogenen Kostümierungen tanzten
sich drei junge Damen, die sogenannten "Buio-Babes", in die Herzen des
Publikums. Dazu wurden von mir, Dr. Baio und Jo Steinbeck
reißerische Werbeschlagzeilen und absonderliche Titel über
den Platz gebrüllt, und Musik von ehrenwerten Urgesteinen des
Exploitation-Pantheons drosch den Rhythmus zu dieser aufwühlenden
Performance. Das Ereignis war auch für uns Sprecher skurril,
standen wir doch oben auf besagter Freilufttoilette. Von der Seite
wehten uns Winde an, die einst dem Seewolf Wolf Larsen die struppichte
Haarpracht zerzaust haben mögen. Von unten wehten uns Winde an,
für die es keinen Namen gibt. Wäre das Gerüst infolge
unseres beherzten Mitjammens zusammengestürzt, hätte es eine
eigenwillige Sonderperformance gegeben - drei weinende Clubberer, die
von beherzten Gästen mit Tüchern von Fäkalien befreit
werden müssen... Aber zum Glück passierte das nicht, und so
nahm alles den Verlauf, den es nehmen sollte. Unserer tiefinnigster
Dank gilt hierbei
Diana,
Ahmine und Jill, die auf der improvisierten Tanzfläche
alles gaben und unser Event mit ihrer Anmut veredelten!
Nach diesem aufregenden Auftakt konnte
der Zuschauer das gewonnene Adrenalin in einer weiteren
Zurschaustellung zum Einsatz bringen: Die zauberhafte Angie legte einen
Stangenschtripp hin, der sich gewaschen hatte! Es war ein
beeindruckendes Erlebnis, einerseits den Künsten der jungen Dame
zu folgen, gleichzeitig aber zu beobachten, wie zumindest die
männlichen Besucher von der Wut ihres Testosterons gepeitscht
wurden! Das war legendär! Das war kostbar! So hatten wir es uns
gewünscht. Angie räkelte sich im die Stange, trotzte der
Schwerkraft mit Können und Geschick, war kokett und stilsicher.
Keine plumpe Anzüglichkeit, keine Vulgarität. Statt final
blankzuziehen, präsentierte sie am Schluß der Performance
stolz den Buio-Bikini, nur echt mit Totenkopf! Ein glücklicher
Buio-Gast der ersten Stunde assistierte ihr auf der Bühne und wird
dieses schöne Erlebnis - wie wir alle! - bestimmt bis an sein
Lebensende nicht vergessen.
Danach waren die Türen
geöffnet zur "Vernissage": In verschiedenen Räumen konnte der
Zuschauer einen Blick auf ausgewählte Flier unseres Schaffens
werfen, denen im Zusammenspiel mit den Exponaten häufig eine neue
Bedeutung zugeteilt wurde. So landete neben der eingangs erwähnten
Vaseline-Tube der großartige Flier zu unserem Programm
"Fettichist 2", der bekanntlich auf dem Cover eines dänischen
Gay-Sex-Magazins basiert und zwei Ledermänner zeigt, die einander
inniglich umarmen. Dem einen, dem runden, wurde der Kopf von Bud
Spencer auf die Schulter gelegt, der noch nie so verzückt aussah
wie auf jenem Bild... Wer genug gekuckt hatte, konnte Bier trinken und
tratschen. So sollte es immer sein!
Vorhang auf für die nächste
Runde: Eine ausgedehnte Trailershow wurde an die Wand des
gegenüberliegenden Autohauses projiziert! Beginnend mit dem
sinnfälligen MOTEL HELL wurden unsere Zuschauer - manche in ihrem
Auto, um das perfekte Autokino-Feeling zu genießen - durch
Jahrzehnte hemmungsloser Exploitation-Aktivität gelotst. Die
Aufgabe des Lotsen kam hierbei mir zu. Fast zwoeinhalb Stunden kauerte
ich auf dem nackten Asphalt und hielt zwischen den Blocks Ansprachen,
die die Brisanz des gezeigten Materials noch etwas hervorheben sollten.
Es kann nicht verschwiegen werden, daß es - nach einem ansonsten
preisungswürdigen Sonnenwetter - in der Nacht immer kälter
wurde. Ein besonders dickes Lob somit allen Leuten, die bis zum
Schluß durchgehalten haben - Ihr seid die Härtesten!
Nach der Trailershow machten wir flugs
weiter und präsentierten voller Stolz den brandneuen
Dokumentarfilm WIE ICH DEN SOMMERWIND FING, in dem uns der clubnahe
Erotikexperte Herr Weber alles über seine Restauration des
verschollenen Doris-Wishman-Klassikers NACKT IM SOMMERWIND
erzählt. Das ist lehrreich, aber auch amüsant! NACKT IM
SOMMERWIND ist ein kleines Juwel des Nudistenfilmes der 60er Jahre, das
seine ganz bezaubernde Liebesgeschichte mit vielen unerklärlichen
Details anreichert und zudem von einem niedlich tantigen Kommentar in
den Kreis der großen Leinwand-Absonderlichkeiten katapultiert
wird. Der Erotikgehalt ist dabei sehr zurückhaltend, aber so mag
es eben unser Herr Weber - nicht pornographisch, sondern erotisch!
Nicht anzüglich, sondern pikant!
Nachdem wir auch den fraglichen Film,
NACKT IM SOMMERWIND, präsentiert hatten, ging ein schöner Tag
zu Ende. In unseren Herzen wird das Ereignis weiterleben als weiterer
Beleg für die Unberechenbarkeit des Daseins im allgemeinen und der
Exploitation-Kunst im besonderen! Es hat uns großen Spaß
gemacht. Unseren tiefsten Dank an alle, die daran partizipiert haben,
seien es die Helfer, seien es die Gäste - Ihr habt uns geholfen,
diesen Samstag zu etwas ganz Besonderem zu machen!
Wer einen kleinen Video-Einblick in
die Ereignisse des Tages sehen möchte, der kann das
hier!
(Fotos: Kai Krick, Christian K., Daniel Gugitsch)
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